
Kritik: Wie klangen die Kastratenstimmen
1. March 2026Dokumentarfilm von Prof. Jürgen Wendler über die Stimmen von Kastraten, Countertenören und Sopranisten mit Arno Raunig.
«Erotische Klänge»
Rarity. A documentary about unique high male voices and castrati. A fundamental study by Professor Jürgen Wendler using the example of the unique voice of Countertenor and Sopranist Arno Raunig.
German subtitles
[Musik] Arno Raunig - Sopranist, Countertenor. Mozart W.A. «Exsultate, jubilate Alleluja», Live
Arno Raunig: ..und so geht es jetzt die ganze Zeit weiter. Farinelli hat dann den Ton vielleicht so 2 Minuten kann auch sein 3 Minuten ausgehalten was ich natürlich nicht kann und das Publikum ist dann in Raserei ausgebrochen. Also er hat einfach einen langen Ton ausgehalten und das Publikum hat dann getobt - das war so die Manie der damaligen Zeit.
Prof. Jürgen Wendler: Farinelli war der berühmteste Kastrat der Barockoper. Er begeisterte mit seiner männlichen Sopranstimme das Publikum in ganz Europa. Frenetischer Applaus begleitete Farinelli’s Auftritte. Durch eine Operation in der Kindheit hatte seine Stimme die strahlende Höhe bewahrt.
Zugleich konnte er mit schier unerschöpflichem Atem singen. Trieb das Publikum am Anfang des 18 Jahrhunderts bis zur Bewusstlosigkeit. Heute sind männliche Sopranisten keine Seltenheit mehr. Die Farinelli Arie die für den Film noch aus einer männlichen und einer weiblichen Stimme zusammengesetzt wurde bewältigt Arno Raunig allein.
[Musik] Arno Raung singt Farinelli, Live (Broschi Riccardo
”Son qual nave ch’agitata” Arie des Arbace, Einlage zu Hasses Oper ”Artaserse”)
Arno Raunig: Die Leute wissen gar nicht was macht er da oben, das ist ja irgendwie sehr interessant. Sind im ersten Moment also geschockt nie überrascht oft und zwar oft überrascht auch von der Höhe und können das also nicht glauben und fragen mich oft nachher nach einem Konzert: das gibt's ja nicht, ich meine sind Sie - also ich hatte eben schon Fragen sind Sie nicht wirklich doch ein Kastrat und lauter solche Sachen.
Moderator: Der Sohn ist quasi der lebende Beweis dass Raunig´s Stimme durch Gesangstechnik entsteht und nicht wie bei Farinelli durch die bewusste Operation.
Arno Raunig: Ich nehme an als es ist auch eine Laune der Natur. So wie ein guter Tenor eben nur Tenor singt und nicht Bass so ist es auch hier eine Laune der Natur Sopran zu singen und eben nicht Alt.
Prof. Jürgen Wendler: Ja eine Laune der Natur eine gute Beschreibung für diese Abweichung von einem physiologischen Verlauf der Stimmentwicklung.
Arno Raunig: Meine Stimmbänder sind nie untersucht worden und das ist mir eigentlich sehr unangenehm wenn jemand hineinschauen würde und es ist mir auch ziemlich egal was da drinnen vorgeht. Ich mache es einfach und sing einfach und Singen das ist das was mir Spaß macht und nicht das - wenn mir jemand mit einem Röhrl in den Hals fährt.
Prof. Jürgen Wendler: Wer möchte das schon aber es gibt Sänger die es uns erlaubt haben und wir wissen aus einer ganzen Reihe von Experimenten gemeinsam mit Professor Seitner meinem langjährigen Mitarbeiter an der Charite und jetzigen Nachfolger wie es funktioniert.
Prof. Seitner: Hier sehen wir ein wichtiges Element unseres Stimmapparates nämlich den Kehlkopf der oben auf der Luftröhre aufsitzt und den sich nach oben die Klangräume von Rachen, Mund und Nasenhöhle anschließen.
Im Kehlkopf verlaufen von vorn hinten die beiden Stimmlippen die während der Stimmgebung durch die Ausatmungsluft von unten zu Schwingungen angeregt werden.
Prof. Jürgen Wendler: Bei den beiden Registern von denen das eine als Falsett bezeichnet wird werden die Muskeln im Kehlkopf ganz unterschiedlich eingestellt wir haben verschiedene prinzipiell verschiedene Funktionen.
Im Falsettregister sind die Stimmlippen relativ gespannt und dünn Sie schwingen nur am Rande und schließen entweder überhaupt nicht oder nur sehr wenig.
Im normalen Brustregister dagegen sind die Stimmlippen weniger gespannt Sie schwingen mit weiten Amplituden und schließen vollkommen.
Bei der ersten Einstellung kommt der sogenannte Falsettklang zustande der dünne obertonarme Klang.
Diese beiden Register kann jeder Mann bewusst einsetzen wobei wir bei einem Sänger davon ausgehen dass er es nicht stimmtechnisch oder physiologisch bewusst tut aber er hat bewusste Klang bestimmte Klangvorstellungen er hat ein Ausdruckswillen und will auch bestimmte Wirkungen erzielen.
Arno Raunig: Was mich eigentlich immer wundert dass Leute sehr überrascht sind wenn sie eine hohe Männerstimme hören.
Positiv überrascht ganz egal wie sie überrascht sind Sie sind überrascht und kennen es alle von ihrer Kindheit an zumindest im deutschsprachigen Alpenraum. Sie kennen alle das Jodeln den drei Gesang den vier Gesang wo Männer hoch singen.
Also normale Tiroler oder Kärntner von wo ich herkommе die setzen sich irgendwo zusammen und es gibt immer Männerstimmen die oben hoch drüber singen und wo keine Frauen dabei sind.
Das ist das Natürlichste der Welt In jedem Gasthaus wird so gesungen und es findet jeder absolut normal.
[Musik]
Ein Jodler: Der Dichter Peter Rosegger aus Österreich hat mal den Jodler beschrieben: «Die Luft hat kein Wort - hat nur Klingen - was man nicht sagen kann das muss man singen».
[Musik]
Ein Jodler: Gesungen wird natürlich nur auf dem Vokal und der Konsonant ist nur eine kleine Hilfsfunktion um Verbindungen zu schaffen Ein weiches D oder ein J. Da sind dann diese Konsonanten drinnen versteckt.
Prof. Jürgen Wendler: Die Faszinationskraft dieser Stimmen die wir ja hier auch ablesen können an ihrer ungewöhnlichen Attraktivität in allen Weltkulturen liegt zunächst mal begründet in ihrer Extremheit. Diese außerordentliche Höhe ist ein ungewöhnlicher Reiz aber noch mehr auch der Stimmklang ist etwas Besonderes. Wir haben ja die den besonders weichen Klang des Falsett der gleichzeitig eine außerordentliche Strahlkraft entwickelt.
Und hinzu kommen auch noch widersprüchliche Wahrnehmungen über unsere Sinnesorgane Auge und Ohr wenn wir einen Mann sehen und dann plötzlich eine Frau zu hören glauben dann ist das ein ganz besonderer Reiz der vielleicht sogar interpretiert werden kann mit einem gewissen Hang zur Perversion einer besonders sublimierten Form oder aber anders ausgedrückt als Erfüllung eines uralten hermaphroditischen Wunschtraums.
Arno Raunig: Singen hat immer mit Erotik zu tun, man muss nur sich trauen diese Erotik auch auszuspielen.
Ist ein Gefühl das kommt aus dem Bauch das kommt ganz tief von unten heraus das kommt eruptiv und wenn man es überwinden kann auch seine Ängste und Probleme die man auf der Bühne hat die jeder hat auch wenn er es manchmal nicht zugibt dann also kann man wirklich einen Spaß daran haben. Es muss den Leuten kalt den Rücken herunter rinnen sie müssen fasziniert sein.
Moderator: In Alfred Schnittkes Faustoper singt Arno Raunig den Mephostophiles.
Den Teufel hat Schnittke für einen hohen Männersopan geschrieben. So bleibt in der Schwebe ob der Verführer ein Mann oder eine Frau ist.
[Musik]
Moderator: Die Unsicherheit über Geschlecht und Stimme wird perfekt wenn sich am Schluss der Oper der Teufel in zwei Wesen spaltet ein Weibliches und ein Männliches und der Mann singt mit höherer Stimme als die Frau.
[Musik]
[Applaus] [Musik]



