
Kafka in Paris!
1. October 2026Wiederbelebung des „Goldenen Apfels“ in Wien
Der Triumph von Arno Raunig
26. April 1989
Wien · Mozartsaal des Konzerthauses Wien
Genau 321 Jahre nach der Uraufführung (1668) hat der österreichische Countertenor und Barock-Enthusiast Arno Raunig erstmals in der Neuzeit die monumentale Oper von Marc’Antonio Cesti „Il Pomo d’Oro“ („Der goldene Apfel“) wiederbelebt.
Es handelte sich um eine konzertante Aufführung – die erste abendfüllende Wiedergabe der Oper seit dem 17. Jahrhundert und die erste moderne Wiener Fassung (Mag. Heinz Prammer) dieses Meisterwerks, veranstaltet vom Wiener Georg Friedrich Händel Verein (1986 von Raunig gegründet).
Raunig wirkte dabei gleichzeitig als:
Produzent
Regisseur der konzertanten Fassung
Solist in der Rolle der Aurinda – der unglücklich verliebten Prinzessin, deren Szene zum Höhepunkt und zum größten Triumph des Abends wurde.
Er versammelte ein herausragendes Ensemble europäischer Barockspezialisten, ein exzellentes junges Sängerensemble (16 Solisten, darunter heute berühmte Sänger wie KS Angelika Kirchschlager, Freda Mc.Nair oder Manfred Equiluz), das Orchester des Wiener G.F. Händel-Vereins sowie das Ensemble Wien Barock (Leitung: José Vázquez) auf historischen Instrumenten, und den Chor der Wirtschaftsuniversität Wien.
Die musikalische Einstudierung und Gesamtleitung lag bei Mag. Heinz Prammer, mit ausdrucksstarker Gestik, die das Ensemble zusammenhielt.
Das Continuo-Ensemble
Brigitte Zaczek · Theorbe
Wolfgang Capek · Positivorgel
Michael Gailit · Cembalo
José Vázquez · Viola da gamba, primus inter pares
Das Ereignis war ausverkauft und wurde zur Sensation in der Musikwelt – trotz fehlender Programmhefte mit dem Libretto-Text.
Genau diese Produktion Raunigs brachte „Il Pomo d’Oro“ zurück ins Repertoire und ebnete den Weg für alle späteren Wiederaufnahmen.
Übrigens: Nur wenige Monate später (Juni 1989) organisierte ein anderes Wiener Team (Chor und Orchester Spectaculum unter Gerhard Kramer) eine eigene Fassung, die sich stark an Raunigs Konzept und teilweise sogar am Personal orientierte.
Der Pionier jedoch, der die Oper nach mehr als zwei Jahrhunderten des Schweigens aus dem Vergessen holte, bleibt Arno Raunig.
Es war sein persönlicher Triumph – und eines der mutigsten Barock-Projekte Österreichs am Ende des 20. Jahrhunderts.
Die Einzigartigkeit der Oper „Il Pomo d’Oro“ ist der Höhepunkt barocken Theaterspektakels und basiert auf dem Mythos vom „Urteil des Paris“ (die Wahl des goldenen Apfels für die schönste Göttin). Ursprünglich für die Hochzeit Kaiser Leopolds I. mit Margarethe Theresa von Spanien 1666 geplant, wurde die Aufführung auf den 17. Geburtstag der Kaiserin 1668 verschoben. Sie zählte zu den prächtigsten (und teuersten) Produktionen des 17. Jahrhunderts: ca. 10 Stunden lang, mit Spezialeffekten und einem Orchester von über 100 Musikern in einem Freilichttheater für 5.000 Zuschauer. Bühnenbildner Ludovico Ottavio Burnacini schuf nicht weniger als 24 wechselnde Dekorationen; es gab unzählige Möglichkeiten für spektakuläre Maschinen (Schiffbrüche, einstürzende Türme etc.). Die Oper war Habsburger Dynastie-Propaganda in Tönen und verband Arien, Duette und Chöre im typisch Wiener Barock-Stil. Die konzertante Fassung von 1989 vermittelte nur die musikalische Seite – doch diese beeindruckte durch die geschmeidigen Übergänge zwischen Rezitativen und lyrischen Partien.
Kurioses zu „Il Pomo d’Oro“
* Die Originalproduktion 1668 kostete mehr als der Bau eines ganzen Schlossflügels: 100.000 Gulden – eine für die Zeit wahnsinnige Summe.
* Der Abend wurde auf zwei volle Tage verteilt (12. und 14. Juli 1668), 67 Szenen, 24 Dekorationswechsel.
* Allein im Prolog flogen gleichzeitig 27 „Himmelsmaschinen“ (macchine volanti) – mehr als in jedem anderen Theaterstück des 17. Jahrhunderts.
* Über 100 Musiker im Orchester, bis zu 300 Personen gleichzeitig auf der Bühne (Sänger, Tänzer, Statisten, Maschinen).
* Das goldene Apfel, das Paris am Schluss Venus überreicht, war tatsächlich aus purem Gold und mit Edelsteinen besetzt – ein Geschenk des Kaisers an seine 15-jährige Braut.
Die Wiederbelebung durch Arno Raunig 1989
* Die konzertante Fassung zeigte nur eine „Facette“ des ursprünglichen Spektakels, reichte aber völlig aus, um die barocke Dramaturgie mit ihren fließenden Übergängen zwischen Rezitativ und Arie bewundern zu können.
* Beginn: 19:30 Uhr, Eintrittspreise 80 bis 305 Schilling, Karten an der Konzerthauskasse und beim Kulturbetrieb der Stadt Wien.
* Es war die österreichische Premiere von Cesti durch Arno Raunig – sein erstes großes Cesti-Projekt.
Alle Solisten der Aufführung
Eva Bátori – Venus
Heidi Eisenberg –
Angelika Kirchschlager –
Isi Lang –
Anne Liebeck –
Elisabeth Linhart – Juno
Freda McNair – Pallas Athene
Brigitte Prammer –
Doris Pudill – Proserpina
Yoshi Tanaka –
Wolfgang Barta –
Theodor Ciurdea – Pluto
Manfred Equiluz –
Vincent Pirillo –
Ralph Popken – Mercurio
Arno Raunig (Produzent und Solist) – Aurinda
Bernhard Stejskal –
Orchester: Orchester des Wiener G.F. Händel-Vereins
Ensemble Wien Barock, Leitung: José Vázquez
WU-CHOR Wien (heute G.F. Händel-Chor Wien), Einstudierung: Johannes Prinz Musikalische Gesamtleitung: Heinz Prammer
Diese Produktion bleibt ein ewiger Triumph der Authentizität und der Leidenschaft für vergessenes Erbe.

Wiederbelebung des „Goldenen Apfels“ in Wien: Der Triumph von Arno Raunig



